“Trau Dich” frühmorgens ins Standesamt

Es ist schweinekalt, schweinefrüh und schweineanstrengend. Aber nun gut, um diese Aufgabe werden wir nicht drum rum kommen und dann ziehen wir das jetzt durch.

Wartemarke aus dem StandesamtSo hat es sich angefühlt, als wir Anfang dieser Woche vor dem Standesamt warteten, bevor es überhaupt aufgemacht hatte oder die meisten Beamten überhaupt an ihrem Arbeitsplatz waren. Nach und nach zogen 2 bis 3 Mitarbeiter schluffig an uns vorbei, während wir draußen vor der Wand mit dem “Liebesgraffitti” – wohl eine coole JBM (Jugendbeschäftigungsmaßnahme) – warteten und Rü sich dann dafür entschied, noch schnell über die Straße in den türkischen Bäcker zu huschen, um sich ein Frühstück zu kaufen.

Zähneklappern statt des Formulars aus “diesem Internet”

Also standen wir da, er kauend, ich Zähneklappernd und schlecht gelaunt und warteten, dass es zumindest annähernd 8 Uhr wurde. Immerhin hatte Rüdiger diesen Termin am Vortag am Telefon für uns erkämpft, nachdem die gute Frau vom Amt ihm nicht sagen konnte, wo man dieses Formular für die Bevollmächtigung, dass auch nur ein Partner den Antrag stellen kann, “in diesem Internet” finden kann. Und für uns war es nicht mal eben auf die Schnelle möglich, frei zu bekommen, um für den gemeinsamen Pflichttermin irgendwand zwischen 9 und 12 Uhr vormittags auf dem Standesamt aufzukreuzen.

Die 6-Monatsfrist

Dass es schnell gehen müsse, hatte uns allerdings die Eventplanerin von unserem besonderen standesamtlichen Trau-Ort (wo, wird noch nicht verraten), ins Gewissen geredet.
Exakt auf den Tag genau 6 Monate vorher? Oops, und wir dachten eigentlich, früh dran zu sein. Was ja aber immerhin auf diesen einen Morgen zutraf.

Normalerweise würden Paare jedoch genau 6 Monate vor ihrem Wunsch-Hochzeitstermin das Amt stürmen und mit Ellbogeneinsatz dafür kämpfen, IHREN Termin zu ergattern. Was vielleicht auch daran liegt, dass in Berlin viele “nur standesamtliche” Ehen geschlosssen werden (ingesamt rund 12.500 jährlich) und die Sommer-Wochenend-Termine rar gesät sind… vor allem bei den schönen Standesämtern, zu dem unseres in Friedrichshain-Kreuzberg definitiv nicht zählt. Aber dazu später mehr.

Trau Dich!

Nach der Vertilgung des Frühstücks fiel mein Blick auf das ”Trau Dich”-Plakat im Aushang, bei dem es irritierenderweise – wie konnte ich nur darauf kommen – nicht ums Heiraten ging. Nein, es war Werbung für irgendeinen Dienst der Diakonie rund um Frauen und Gewalt.

Ich machte trotzdem einen schlechten Wortwitz und wir trauten uns endlich ins Gebäude.

Witznummer

Im 2. OG angekommen war die Beamtin gerade dabei, die Büros aufzuschließen und ihren Computer hochzufahren, “der ja immer abstürzen würde”, wie sie uns erklärte, um selbst fortzufahren: ”Aber sie müssen schon eine Nummer ziehen. Haben Sie schon eine Nummer gezogen?”.

Auch wenn weit und breit niemand außer uns zu sehen war – weitere Mitarbeiter eingeschlossen -, zogen wir eine Marke mit der Nummer 201 und setzten uns in den Wartesaal, in dem wir wohl “selbst das Licht anmachen müssten”, wie uns die Beamtin noch hinterher rief.

Das hässlichste Standesamt in Berlin

Zu unserer Überraschung brannte allerdings schon Licht, sodass die Hässlichkeit des Warteraums mit seinen unbequemen Plastikstühlen, auf denen im Sommer mit Sicherheit der Popo festklebt, gnadenlos offenbart wurde. Selbst einen Plastik-Dino aus der Kinderkrabbelkiste hatte jemand schon zum Lüften in das geöffnete Fenster gequetscht.

An der Wand hing ein Rahmen mit einer Sammlung von Fotos von Anno Zwieback mit glücklichen, frisch getrauten Paaren. Dabei drängte sich mir die Frage auf, ob seine Igelfrisur und ihre übergroßen Goldkreolen an den Ohren Ausdruck der 80er oder doch schon der frühen 90er waren? In jedem Fall waren sie vergilbt und aus dem letzten Jahrtausend. Noch abstoßender war nur das Foto des Traumzimmers selbst. Friedrichshain-Kreuzberg hat wohl das hässlichste Standesamt in ganz Berlin. Das trifft sowohl auf den 70er-Jahre Betonklotz rundherum zu, als auch auf das Trauzimmer. Mit dem Charme eines Gelsenkirchener Barock Wohnzimmers waren auf dem gerahmten, verblichenen Foto ein schwerer Schrank Modell “Eiche rustikal”, einige Reihen Holzstühle und Trockenblumensträuße zu sehen.

Ordnung muss sein

Nachdem die gute Frau wahrscheinlich zum fünften Mal ihren Computer hochgefahren hatte, machte es endlich “Pling” und eine Nummer wurde auf dem Display angezeigt. Nicht nötig die Nummer mit unserer eigenen abzugleichen. Das Wartezimmer war immer noch menschenleer. Aber Ordnung muss sein.

Von da an ging alles schnell. Wir überreichten unsere beglaubigten Auszüge aus dem Geburtsregister mit Hinweisteil und unsere Ausweise, bekamen nochmal alle Angaben darauf vorgelesen und wurden nach dem Bezahlen mit dem Hinweis entlassen, jetzt mit den Unterlagen auf das Standesamt Mitte gehen zu können.

Waaaas? Noch mal zum Standesamt? Richtig, weil wir nämlich in einem anderen Bezirk heiraten werden. Aber da reiche es dann, wenn einer von uns beiden hinginge.

Hochzeitstouristen-Happy End

Rüdiger hat diesen Job glücklicherweise zwei Tage später übernommen und eine sehr freundliche, zuvorkommende Standesbeamtin angetroffen. Die Mitarbeiter im Standesamt Mitte sind wohl im Umgang mit Hochzeitstouristen aus anderen Verwaltungsbezirken geschult. Zum Glück war an unserem Wunschtermin am 06.07. passenderweise genau um 10 Uhr noch ein Termin frei. Bingo!

Das war sie, unsere Standesamt-Geschichte. Mit Happy End. Zum Glück. Ende. Finito. Le Fin. …

Dein oder mein Name – das ist hier die Frage?

… Wie, ein wichtiges Detail habe ich noch ausgespart? Ach ja, da war ja noch etwas:  Die Namensfrage! Mehr oder minder spontan haben wir uns beim ersten,  gemeinsamen Standesamtbesuch dafür entschieden, dass Rüdiger seinen Namen behält und ich einen Doppelnamen bekomme. Alle anderen Varianten, die wir hier aufgelistet hatten, fielen doch aus, da wir beide den Eindruck hatten, wenn wir einen Familiennamen nehmen, dann müssen wir bei der Anrede Frau Sch… oder Herr Fr… immer an unsere Eltern denken. Denn Frau Sch… und Herr Fr… gibt es einfach schon. Eine offensichtliche Verbindung wäre aber nichtsdestotrotz sehr schön. Außerdem habe ich mich doch sehr an meinen Namen gewöhnt, dass ich ihn nicht einfach so abgegeben möchte. So habe ich nicht ganz so dolle das Gefühl eine komplett neue Identität anzunehmen.

Und im Zweifelsfall kann ich irgendwann doch noch meinen Mädchennamen streichen lassen, sollte mir der Name – O-Ton des Standesbeamten “doch irgendwann mal zu lang werden”. Sheldon Cooper aus der Serie “The Big Bang Theory” hätte an dieser Stelle wohl zurückgefragt, ob das jetzt Sarkasmus war. (Für alle, die die Serie nicht kennen, wir könnten Staffel 1 + 2 auf DVD ausleihen.) So, und bevor ich mich jetzt noch weiter als Nerd oute, mache ich an dieser Stelle jetzt ehrlich Schluss.

- Le Fin -

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